Janet Cardiff: Walking thru'
4. April–26. Juni 2004 | TBA21, Wien

Janet Cardiff – The Forty Part Motet, 2001
A re-working of ‘Spem in Alium Nunquam habui’ by Thomas Tallis, 1575
Installation view: Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, Space in Progress 2
Photo: Gerald Zugmann | TBA21

Thyssen-Bornemisza Art Contemporary eröffnete am 20. April 2004 die Ausstellungsräume in der  Himmelpfortgasse 13, Wien 1, mit Werken der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff (in Zusammenarbeit mit George Bures Miller). Die SoundinstallationThe Forty Part Motet wurde in Zusammenarbeit mit der Akademie der bildenden Künste Wien von im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien (Semperdepot) präsentiert. 

Ich interesse mich dafür, inwieweit Hören unsere Wahrnehmung der tatsächlichen Welt beeinflussen kann. Wir verstehen einen dreidimensionalen Raum durch unser Sehen, aber auch durch den Charakter der Geräusche, die wir hören. Wenn diese Geräusche verändert werden, dann kann das dramatische Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung der Realität haben. Man kann körperlich durch eine Stadt gehen und durch manipulierte Geräusche trotzdem in das Gefühl versetzt werden, durch einen Wald zu gehen.  – Janet Cardiff
 
Mit ihren audiovisuellen Installationen hat Janet Cardiff einen künstlerischen Weg eingeschlagen, der nicht in den klassischen Definitionen von Klangkunst oder Rauminstallation aufgeht. Sie mischt nicht nur Medien, sondern operiert auch über Gattungsgrenzen von Video, Hörspiel, Performance, Installation und Skulptur hinweg. In ihren Audio- und Videoarbeiten untersucht die kanadische Künstlerin die audiovisuelle Wahrnehmung sowie die Illusion des Betrachters. Ihre Werke deuten erzählerische Motive an, während die dreidimensionale Tonspur den Betrachter Teil des Geschehens werden lässt; der Umraum ist in einen Ort akustischer und visueller Projektion verwandelt. 


To Touch (1993) ist eine raumgreifende Installation, deren Hauptbestandteil ein grober, einfacher Holztisch in einem spärlich beleuchteten Raum ist. „To touch“ – anfassen, betasten, berühren: Durch das Berühren der Tischplatte löst der Besucher eine Reihe von Geräuschen aus, die sich mit der Bewegung und dem Druck der Hände verändern. Das im musealen Kontext übliche Betrachten auf Distanz wird durch das aktive Vorgehen des Besuchers überwunden. Zu hören sind Flüstern, Seufzen, Gesprächsfetzen von männlichen und weiblichen Stimmen. „Ich möchte, dass du mich berührst“, spricht eine Frau. „Deine Haut ist so zart.“ Die Antwort des Mannes: „Ich kann deinen Puls und deinen Schweiß fühlen und die Linien deiner Narben.“ Die dialogischen Sequenzen machen den Betrachter zum Mitwisser gleichermaßen erotisch wie bedrohlich klingender Informationen. Berühren, Hören und Sehen als ganzheitliche Wahrnehmung lassen das, in seiner bloßen Erscheinung bescheiden auftretende Werk der Kanadierin zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk der Sinne werden.
 
Die audiovisuelle Installation Hillclimbing (1999) ist eine Zusammenarbeit von Janet Cardiff und Georges Bures Miller. Die Künstler arbeiten seit Mitte der achtziger Jahre gemeinsam an interaktiven Ton- und Videoinstallationen. In Hillcliming hört der Besucher über Kopfhörer einen Mann durch den Schnee stapfen. Gleichzeitig nimmt er den Blickwinkel des Wanderers ein: der Blick ist nach vorne gerichtet, auf den Hund, der ihn begleitet und auf den schneebedeckten Hügel. Zu hören ist das Knirschen der Stiefel im Schnee, das Schnaufen des Mannes, ein Sturz. Die Stimmen aus dem Kopfhörer klingen wie ins Ohr geflüstert. Der Film wird als Loop gezeigt, der Gipfel bleibt dadurch unerreichbar.
 
In einer weiteren gemeinsamen Videoarbeit House Burning (2001) von Janet Cardiff und Georges Bures Miller sind Ton und bewegte Bilder ein integraler Bestandteil: Die Künstler untersuchen Paradigmen des Kino-Erlebnisses, der Kino-Geschichte. Selten wurden die experimentellen Qualtäten des Kinos so persönlich und poetisch sichtbar gemacht wie in dieser Installation. Präsentiert auf einem Monitor, hören die Besucher durch Kopfhörer einen einzigartigen, sehr persönlichen Ton, der die Sinne umfängt.
 
Für die Audio-Arbeit Feedback (2004) haben Janet Cardiff und George Bures Miller einen Verstärker entworfen, der – sobald er von den Besuchern bedient wird – zu einem virtuellen Gitarristen im Stile von Jimi Hendrix’ berühmten Woodstock-Aufritt mutiert. So wie Hendrix’ donnerndes Solo auf das Sternenbanner in den 1960er Jahren als Aufruf gegen den Vietnamkrieg verstanden wurde, kann diese Arbeit als eine Antwort auf die aktuellen politischen Ereignisse gelten.
 
Die Audio-Installation The Forty Part Motet (2001), die im Atelierhaus (Semperdepot) der Akademie der bildenden Künste Wien präsentiert wird, ist eine Bearbeitung des Renaissance-Chorals Spem in Alium von Thomas Tallis (1514–1585). Janet Cardiff ließ diese Komposition vom Salisbury Cathedral Choir aufnehmen, wobei sie jede der vierzig Stimmen einzeln aufzeichnete. Im Ausstellungsraum – im Semperdepot –, wird jede Stimme durch einen separaten Lautsprecher wiedergegeben. Die schwarzen Lautsprecherboxen fungieren als Surrogate der einzelnen Sänger und vermitteln eine Ahnung von Körperlosigkeit. Der Gesang erhält einen räumlichen, plastischen Charakter. Die Besucher können sich im Klangraum bewegen und von einer Stimme zur anderen wandeln. Die Konventionen eines Konzertsaales werden aufgebrochen. „In einem Konzert sitzen wir den Musikern gegenüber, in der traditionellen Publikumsposition. In meiner Arbeit will ich dem Publikum die Möglichkeit geben, das Stück vom Standort des Musikers aus mitzuerleben. Mich interessiert, wie der Klang körperlich einen Raum im skulpturalen Sinn erzeugt und wie sich Besucher ihren Weg durch diesen gleichermaßen körperlichen und virtuellen Raum suchen.” (Janet Cardiff)
4. April–26. Juni 2004
dauer
4. April–26. Juni 2004
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary
Semperdepot, Akademie der bildenden Künste Wien
ort
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary
Semperdepot, Akademie der bildenden Künste Wien
publikation
Janet Cardiff: The Walk Book
Herausgegeben von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Vienna
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln.
Author: Mirjam Schaub
Texte von: Janet Cardiff, Susie Allen, Carolyn Christov-Bakargiev, Tom Eccles, Bruce Ferguson, Marnie Fleming, Gary Garrels, Donald Goodes, Ulrike Groos, Madeleine Grynsztejn, Francesca Thyssen-Bornemisza, Martin Janda, Kasper König, Markus Landert, Matthias Lilienthal, James Lingwood, Réal Lussier, Joel Mallin, Ivo Mesquita, Rochelle Steiner, Marika Wachtmeister, John Weber, Daniela Zyman

345 Seiten, ca. 200 Abbildungen
Sprache: Englisch
Grafik: Thees Dohrn, Philipp von Rohden / Zitromat, Berlin
ISBN: 3-88375-824-8
Hasenbichler Asset Management Art Gallery of Hamilton, Canada Department of Foreign Affairs and International Trade of Canada
exhibitions sponsors
Hasenbichler Asset Management Art Gallery of Hamilton, Canada Department of Foreign Affairs and International Trade of Canada