Deseos fluidos: Wünsche und Imagination manifestieren sich in heterogener Weise in den künstlerischen Werken und bieten ein vielfältiges Repertoire brasilianischer und kubanischer Perspektiven. Deseos fluidos präsentiert eine Auswahl von Zeichnungen, Skulpturen, Installationen und Filmen von Iran do Espírito Santo, Los Carpinteros, Ernesto Neto, Rivane Neuenschwander und Sandra Ramos aus dem Sammlungsbestand von TBA21. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeiten verwenden diese Künstler häufig ihrem geografischen Umfeld entlehnte Objekte, traditionsbelegte Rituale und lokale Produktionsverfahren, die mit konkreten kulturellen Narrativen verbunden sind. In prozesshafter Vorgehensweise werden die kodierten Referenzen aufgelöst, umgedeutet oder ad absurdum geführt, oder die Künstler bieten eine partizipatorische Rezeption der Arbeiten an. Alternative Interpretationen der Wirklichkeiten zeugen vom Interesse der Künstler an Ideen des Immateriellen und Transitorischen. Diese inhaltlichen und formalen Transfigurationen können mittels eines differenzierten Fluiditätsbegriffes umschrieben werden – Fluidität zwischen Zuständen der Solidität und Immaterialität, zwischen Wunschwelten und Imagination, differenzierten Bedeutungs- und Realitätsebenen, Körper und Form und sogar innerhalb des Gefüges einer formalen Struktur. Brasilien und Kuba weisen eine seit den 1950er Jahren für die Gegenwart relevante Geschichtekünstlerischerischer Positionierungen auf. Vielfach werden inhaltliche Referenzen erst in Relation zu deren jeweils spezifisch lateinamerikanischen Herkunft lesbar.
Zweihundertfünfzig Bälle in unterschiedlichen Größen und Materialien (Plastik, Leder, Gummi, Acryl) repräsentieren die Nationen dieser Welt in Rivane Neuenschwanders Arbeit Globos (2003). Die Künstlerin hat Logos und Schriftzüge auf den Bällen entfernt und sie den Staatsflaggen entsprechend mit Klebeband, Vinyl und Farbe bearbeitet. Die Besucher können die Bälle frei bewegen und somit die Kartografie der Welt neu konstituieren.
Ausgangspunkt für Neuenschwanders I wish your wish (2003) ist ein ursprünglich religiöser Brauch in Brasilien, der sich in Form von „Wunschbändern“ auch in den Westen verbreitet hat. Neuenschwander hat tausende von bunten Bändern mit Wünschen bedrucken lassen. Ausstellungsbesucher können sich diese aneignen, indem sie sich ein Band um das Handgelenk binden. Umgekehrt sind sie aufgefordert, ihre Wünsche auf einen Zettel zu notieren und diesen in die Wand zu stecken.
In ihrem Film Love Lettering (2002), den Rivane mit ihrem Bruder Sérgio Neuenschwander produzierte, schwimmen Goldfische in hellblauem Wasser und tragen Schildchen an ihren Rückflossen, auf denen einzelne Worte, die von Liebe, Ungewissheit und Sehnsucht zeugen, zu lesen sind: my love, sweet, my dear, eyes, talking, kissing, hands, mouth, miss, London, come, today, you, here, night, wish, hotel. Die Wörter bilden Syntagmen, die Fische mischen die ursprüngliche Reihung der Worte durcheinander, enthüllen Fragmente eines Liebesbriefes.
Mit Cao Guimaraes produzierte Neuenschwander den tonlosen Film Inventory of Small Deaths (Blow) (2000). Eine amorphe Seifenblase wird vom Wind über die brasilianische Landschaft getragen, Palmen und Wolken schimmern durch die transparente Membran. Die verletzliche Blase, welche die Welt in sich und auf ihrer sich ständig ändernden Oberfläche trägt, dient gleichzeitig als mutierende Linse und als Orientierungspunkt für den Betrachter in der silhouettenhaften Umgebung: Die Blase teilt sich immer wieder, formt sich neu wie eine Amöbe, verändert sich und bleibt in ihrer Essenz doch gleich.
Ernesto Netos weiche Skulpturen und Installationen bestehen aus dehnbarem Lycra und sind zu verschiedenen organischen Formen abgenäht, die sich über den Ausstellungsraum spannen oder Formen des Gebrauchs und Genusses anregen. Die Skulpturen suggerieren „Fruchtbarkeit, Sexualität, Anfassen und Küssen“, ihre atmosphärischen Qualitäten resultieren aus ihrer räumlichen Präsenz und der Textur der Oberflächen. A Gente se encontra aqui hoje, amanhã em outro lugar. Enquanto isso Deus é Deusa. Santa gravidade (2003) ist eine von Netos’ hängenden, in einem prekären Gleichgewicht austarierten Skulpturen aus Lycra, die auf einem System von Gegengewichten aus Styropor und Reis beruhen. Die mit Styroporkügelchen gefüllten figurinen Skulpturen von Neto besitzen nur geringe Ähnlichkeit mit menschlichen Körperformen. Allerdings gibt es die Humanóides (2001) in männlichen und weiblichen Ausführungen, welche die primären Geschlechtsteile besitzen. Deus é Deusa. Santa gravidade (2003) ist eine von Netos’ hängenden, in einem prekären Gleichgewicht austarierten Skulpturen aus Lycra, die auf einem System von Gegengewichten aus Styropor und Reis beruhen. Die mit Styroporkügelchen gefüllten figurinen Skulpturen von Neto besitzen nur geringe Ähnlichkeit mit menschlichen Körperformen. Allerdings gibt es die Humanóides (2001) in männlichen und weiblichen Ausführungen, welche die primären Geschlechtsteile besitzen. Die Besucher sind eingeladen, die Skulpturen als Sitzgelegenheit oder Erweiterungen des eigenen Körpers zu erforschen.
Marco Castillo und Dagoberto Rodríguez entwickeln ihre beißend-humorvollen Arbeiten aus ihrer selbstgewählten Berufsbezeichnung als Los Carpinteros (Tischlergesellen). Sie erkunden die Grenzen zwischen dem Dekorativen und konzeptuellen künstlerischen Strategien und fordern den Besucher auf, die Natur der Dinge anders zu sehen, Widersprüche zu entdecken. Portaviones (2005) (dt. Flugzeugträger), eine unheimliche „Psycho-Skulptur“, besitzt die Grundform eines Kriegsschiffs mit der Funktion und Ausstattung eines Swimming-Pools. Innerhalb der Arbeit von Los Carpinteros kann die Zeichnung als Metapher für ihr künstlerisches Unternehmen, das sich – wie auch schon im Künstlernamen anklingt – als Handwerk versteht, gesehen werden, sie ist ebenfalls Ausdruck der Kommunikation der Künstler untereinander. Oft sind diese Zeichnungen auch die einzigen Dokumente von Ideen oder Konzepten einer Arbeit oder eines unrealisierbaren Projektes. Wiederkehrende Themen der Zeichnungen sind architektonische Versatzstücke, Werkzeuge und Maschinen.
In der Installation El Camino de la Incertidumbre (The Uncertain Road) (2004) der kubanischen Künstlerin Sandra Ramos betritt der Besucher einen dunklen Raum mit einem weichen, gewellten Boden. Das spärliche Licht stammt von den Videos, die sich in von der Decke abgehängten verspiegelten Zylindern befinden. Für die Videos bearbeitet Ramos historische Drucke über die spanische Kolonisation und den Imperialismus in Lateinamerika und mischt diese mit Filmmaterial zu Himmel, Stadt, Sonne, Meer, Blut, Brücke und Hölle.
In Iran do Espírito Santo’s Arbeit ist nichts so, wie es wahrgenommen wird. Seine konzeptuellen und meist auch ironischen Kunstwerke scheinen wie visuelle Rätsel, ohne jedoch nach einer Auflösung zu verlangen. Die minimalistischen Skulpturen behandeln Fragen von Struktur, Design, Ort, Oberfläche und Material. In Sem título (2000) ist der Betrachter mit einem absurden, funktionslosen Gegenstand konfrontiert, der aufgrund seiner runden Form nicht einmal so im Ausstellungsraum stehen dürfte, wie er es tut.